KI verändert unseren Beruf – Das ist eine Chance für jede Praxis

Ronald Hager (RÖDL, München) und Maximilian Wangler (eigene Kanzlei, Neustadt an der Weinstraße) über Künstliche Intelligenz in der Wirtschaftsprüfung, neue Beratungsfelder, Verantwortung – und darüber, warum große und kleine Praxen unterschiedliche Wege zum selben Ziel gehen.
Ein Gespräch der Redaktion von doerschell-liste.de.

Redaktion: KI ist derzeit überall Thema. Wie stark verändert sie die Wirtschaftsprüfung tatsächlich?

Ronald Hager: Grundlegend. Sowohl die Durchführung von Prüfungen als auch die Erwartungen der Mandanten entwickeln sich weiter. Datengetriebene Ansätze und automatisierte Prozesse zwingen uns, Arbeitsweisen und Kompetenzen laufend anzupassen. Vor allem aber steigern KI und digitale Werkzeuge Effizienz und Prüfungsqualität spürbar – und sie geben uns tiefere Einblicke in Geschäftsmodelle und Prozesse.

Maximilian Wangler: Das deckt sich mit meiner Erfahrung. KI unterstützt uns schon heute bei der Analyse von Daten und der Lösung komplexer Sachverhalte. Die Qualität der Ergebnisse von KI-Agenten steigt stetig – und wir sind gefragt, diese neuen Werkzeuge klug und sicher einzusetzen.

Redaktion: Herr Hager, Sie sprechen von einer neuen Rolle des Prüfers. Wie meinen Sie das?

Ronald Hager: Die Abschlussprüfung geht längst über die reine Sicherstellung von Ordnungsmäßigkeit hinaus. Aus den Daten, die in der Prüfung entstehen, gewinnen wir Erkenntnisse, die wir an unsere Mandanten weitergeben und wenn möglich auch für weiterführende Beratung nutzen können. So wird aus dem reinen Kontrolleur ein integrierter Partner: Wir bieten Sicherheit – und übernehmen zugleich eine Orientierungsfunktion. Gerade mittelständische Unternehmen profitieren davon, wenn Prüfungssicherheit und konkrete, vertrauensbasierte Beratung zusammenkommen, abgestimmt auf ihre Ressourcen.

Redaktion: Herr Wangler, Sie beraten viele inhabergeführte Mittelständler. Was bringt der Einsatz von KI durch den Berater dort konkret?

Maximilian Wangler: Einen echten Schatz – mehr Zeit für unsere Mandanten. Die uns oft weit in der Zeit zurückreichenden Finanzdaten sind, analysiert im Licht des aktuellen Marktgeschehens, der Ziele des Unternehmens und im Vergleich mit Unternehmen derselben Peergroup, eine wertvolle Grundlage. Was früher tagelange Arbeit war, liegt künftig in wenigen Augenblicken verständlich vor. Das Entscheidende: Was bisher nur einzelnen Mandanten zugutekam, steht damit weiten Teilen kleiner und mittlerer Betriebe zur Verfügung.

Redaktion: Wenn die Maschine so viel übernimmt – wo bleibt der Mensch?

Maximilian Wangler: In der Verantwortung. Wir sind und bleiben verantwortlich für unsere fachlichen Äußerungen, auch wenn wir KI zunehmend zur effizienten Gewinnung von Arbeitsergebnissen einsetzen. Nur so werden wir auch künftig als verantwortungsvolle, fachkompetente Partner der Unternehmen wahrgenommen.

Ronald Hager: Der Mensch rückt in die Rolle des Interpreten, Entscheiders und Kommunikators. KI kann Muster erkennen und Anomalien flaggen – aber sie kann nicht beurteilen, ob eine ungewöhnliche Buchung ein Fehler, ein Betrug oder eine legitime Geschäftsentscheidung ist. Das erfordert Kontext, Erfahrung und professionelles Urteilsvermögen. Weniger Abhaken, mehr Denken. Prüfer werden stärker zu Datenanalysten und strategischen Beratern. Alles muss natürlich regulatorisch und datenschutzkonform abgesichert sein. Um dies sicherzustellen sind der Umgang und die Arbeit mit KI mittlerweile essentieller Bestandteil unseres Schulungs- und Qualitätssicherungssystems. 

Redaktion: Welche Rolle spielt dabei die Wirtschaftsprüferkammer?

Ronald Hager: Eine wichtige. Beim KI-Einsatz brauchen wir regulatorische Klarheit, die uns ausreichende Freiheiten lässt und sich zugleich schnell an neue technologische Möglichkeiten anpasst – Offenheit statt weiterer Einschränkungen.

Maximilian Wangler: Genau hier kann die Kammer schnell und aktuell Orientierung geben. Der Fragen-und-Antworten-Katalog zum KI-Einsatz in der WP-Praxis ist ein gutes Beispiel: Er beantwortet berufsrechtlich relevante Fragen auch dort, wo es noch keinen festen rechtlichen Rahmen gibt. Diesen Weg sollten wir konsequent weitergehen.

Redaktion: Sie führen unterschiedlich große Einheiten. Wie gelingt der Einstieg in die KI jeweils – und wo liegen die Unterschiede?

Ronald Hager: In einer größeren, unternehmerisch geprägten Gesellschaft wie RÖDL investieren wir gezielt in eine unabhängige, hauseigene KI und setzen sie aktiv in der Prüfung ein. Wir schulen unser Team konsequent und entwickeln laufend neue Lösungen. Wir verstehen Digitalisierung und KI als großes Potenzial – und ermöglichen es unseren Leuten bewusst, diesen Fortschritt aktiv mitzugestalten.

Maximilian Wangler: Und genau hier sehe ich – als Einziges – einen Unterschied zwischen uns; in der Sache sind wir völlig einig. Eine eigene, hauseigene KI lässt sich in einer kleinen Kanzlei kaum stemmen. Für kleine und mittlere Praxen mit überschaubareren Budgets ist es eine echte Herausforderung, LLMs mithilfe geeigneter KI-Agenten vom anwendungsspezifischen Werkzeug zum prozessintegrierten Automatisierungstool weiterzuentwickeln. Wir sind dabei stärker auf Softwarehäuser wie die DATEV angewiesen. Mit der Freigabe des DATEV Copilot im Mai 2026 ist ein wichtiger, berufsrechtskonform einsetzbarer Baustein hinzugekommen – aber weitere Ausbaustufen produkt- und prozessintegrierter KI-Agenten müssen zeitnah folgen. Es ist also weniger ein anderes Ziel als ein anderer Weg dorthin – und ein anderes Tempo, das wir nicht allein in der Hand haben.

Ronald Hager: Dem stimme ich zu. Größe verschafft hier Spielräume, die nicht jede Praxis hat. Umso wichtiger ist, dass leistungsfähige, berufsrechtskonforme Standardlösungen verfügbar sind, damit der Mittelstand in seiner ganzen Breite mithalten kann.

Redaktion: Was heißt das für die Menschen in den Praxen – und für den Nachwuchs?

Maximilian Wangler: Qualifikation, Erfahrung und technologische Neugier unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen die Transformation. Als Inhaber kleiner und mittlerer Praxen ist es unsere Aufgabe, die in ihnen liegenden Kräfte freizusetzen und mit ihnen die Zukunft unseres Berufs zu gestalten.

Ronald Hager: Und das macht den Beruf attraktiver. KI schafft anspruchsvollere, wertschöpfende Tätigkeiten. Wer so arbeiten kann, findet einen Beruf vor, der Sinn stiftet – ein starkes Argument im Wettbewerb um die besten Köpfe und die Praxisnachfolger von morgen.

Redaktion: Ihr gemeinsamer Nenner zum Schluss?

Ronald Hager: Wir sollten die Chancen aktiv nutzen und die Zukunft unseres Berufs mitgestalten, statt sie abzuwarten.

Maximilian Wangler: Und dabei festhalten, was uns trägt: Qualität, Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit. Dann ist KI genau das – eine Chance für jede Praxis, ob Einzel-WP oder große Einheit.

Ronald Hager und Maximilian Wangler kandidieren auf der Dörschell-Liste für den Beirat der Wirtschaftsprüferkammer. 
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